Warum Models Frauen besser bezahlen als Männer

In fast allen Berufen verdienen Frauen für gleichwertige Arbeit weniger als Männer, doch das Modeln bildet eine auffällige Ausnahme. In der Modelingbranche verdienen Frauen im Durchschnitt zwischen 25 und 75 % mehr als Männer – ein Unterschied, der sich an der Spitze noch weiter vergrößert. Für eine hochwertige Mode- oder Parfumkampagne kann ein männliches Model mitunter kaum ein Zehntel des Honorars einer Frau erhalten. Diese Realität wirft eine zentrale Frage auf: Warum zahlt es sich in bestimmten Kontexten mehr aus, eine Frau zu sein?

So positiv diese Situation auf den ersten Blick erscheinen mag, offenbart sie zugleich komplexere Dynamiken. Laut Mears (2011) zeigt die höhere finanzielle Wertschätzung von Frauen in bestimmten Berufen – wie dem Modeln – vor allem ihre kulturelle Positionierung als visuelle Objekte. Für Frauen fügt sich das Modelsein in bestehende gesellschaftliche Erwartungen an das Aussehen ein. Für Männer hingegen steht diese Logik im Spannungsverhältnis zu Männlichkeitsnormen, da als dekoratives Objekt präsentiert zu werden dem dominanten männlichen Ideal widerspricht – selbst innerhalb von Modelagenturen.

Schönheit kommt auf dem Arbeitsmarkt grundsätzlich sowohl Männern als auch Frauen zugute. Attraktiv wahrgenommene Personen verdienen mehr als ihre Vergleichsgruppen, und der sogenannte „Schönheitsbonus“ ist für Männer oft ebenso stark wie für Frauen. Im Modeling jedoch profitieren Frauen stärker von dieser Prämie, obwohl die Schönheitskriterien dort zu den willkürlichsten und sozial konstruiertesten zählen. Weibliche Models bewegen sich in einem Umfeld, in dem sich Normen schnell ändern, unvorhersehbar sind und weitgehend von den Erwartungen der Agenturen und Marken bestimmt werden.

Auch außerhalb der Arbeit beeinflusst Schönheit den Heiratsmarkt, ohne jedoch echte sozioökonomische Mobilität zu erzeugen. Attraktive Frauen und Männer bleiben seltener allein, gehen jedoch meist Beziehungen mit ebenso attraktiven Partnern ein. Entgegen dem Stereotyp der „Trophäenfrau“ sind als schön geltende Frauen in Wirklichkeit häufiger erwerbstätig als jene ohne diesen Vorteil, was gängige Annahmen deutlich relativiert.

Schließlich gilt: Obwohl Frauen im Modeling besser bezahlt werden, ist ihre Karriere oft kürzer. Weibliche Models hören häufig Mitte zwanzig auf, während Männer bis in ihre Vierzigern arbeiten können, insbesondere dank der langfristigen Unterstützung durch Modelagenturen. Alter ist bei Frauen stärker mit Schönheit verknüpft als bei Männern – sowohl im Modeling als auch auf dem Heiratsmarkt. So zeigt sich, dass männliche Schönheit trotz höherer Investitionen von Frauen in ihr Aussehen nachhaltigere Erträge liefert und erneut die strukturellen Ungleichheiten der Modelingbranche verdeutlicht.
January 17, 2020